Bericht von Lena W.

Time flies by ...

Auf mein erstes Jahr in den USA trifft dieses Sprichwort auf jeden Fall zu. Heute fand das alljährliche „field hockey banquet“ für meine Mannschaft statt. Gemeinsam mit den Eltern, Trainern und Helfern im Hintergrund haben wir auf das letzte Jahr zurückgeblickt, dass jetzt schon fast vorbei ist. Es wurden Auszeichnungen vergeben, Dank ausgesprochen und die Seniors verabschiedet. Ein Jahr James Madison University Field Hockey – das bedeutet unzählige, wertvolle Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebnisse mit einem Team, das ich gegen keine Mannschaft der Welt eintauschen würde.

Die Entscheidung mich für ein Sportstipendium in den USA zu bewerben, habe ich relativ spontan und schnell getroffen. Eine Mannschaftskameradin spielte in den USA und war begeistert. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine genaue Vorstellung für meine Zeit nach dem Abi. Vielleicht „was soziales“ im Ausland oder doch lieber gleich studieren? Und wenn ja, was? Amerika hörte sich für mich gut an und Hockey spielen und gleichzeitig studieren fand ich auch nicht schlecht. Im Februar letzten Jahres wurde ich dann von den Trainern der James Madison University in Virginia eingeladen, den Campus zu besuchen. Ein paar Tage auf dem wunderschönen Campus von JMU, ein paar Stunden mit der Mannschaft und viele Gespräche mit den Trainern haben es leicht gemacht, mich zwischen den verschiedenen Angeboten von Universitäten für JMU zu entscheiden – eine Entscheidung, die ich bis jetzt nicht bereut habe.

Anfang August war es dann soweit: Beginn der „pre-season“. Die ersten paar Tage habe ich bei Mannschaftskameraden gewohnt, bevor wir alle zusammen für die Dauer der pre-season auf den Campus in die Dorms gezogen sind. Am ersten Tag sind wir über den Campus von A nach B gelaufen und haben allerlei meetings gehabt, in denen uns u.a. die Dopingregularien erklärt wurden. Am zweiten Tag ging es dann wirklich los. Um sieben Uhr morgens stand der erste Lauftest an. Danach gab es Frühstück, danach wurde trainiert, trainiert und trainiert. Am dritten Tag stand um sieben Uhr morgens der nächste Lauftest an. Pre-season, das sind die ersten drei Wochen, in denen die Athleten trainieren, bevor das reguläre Semester beginnt. Pre-season besteht hauptsächlich aus Training. Meine Erinnerungen sind leider etwas undeutlich, aber außer trainieren, essen und schlafen, haben wir nicht viel gemacht. Das Training war hart, aber ich habe mich relativ schnell daran gewöhnt und (abgesehen von den Lauftests) habe ich die drei Wochen genossen. Was kann man sich besseres vorstellen, als den Sport den man liebt, jeden Tag für viele Stunden zu betreiben, bis man abends erschöpft ins Bett fällt? Wenn man drei Wochen 24/7 von den gleichen 26 Athletinnen umgeben ist, lernt man sich ziemlich schnell kennen und ich habe mich sofort in diese Mannschaft verliebt. Vom ersten Tag haben mir die „upperclassmen“ das Gefühl gegeben, Teil der Mannschaft zu sein und das erste große Heimweh hätte ich ohne meine Zimmerpartnerin aus der pre-season nicht halb so gut überstanden.

Dann begann das Semester, viele Kurse, neue Professoren, alles anders als Schule. Am Anfang war ich geschockt von den Mengen an Büchern, die ich lesen sollte und habe mich gefragt, wie ich auch nur die Hälfte von den Hausaufgaben schaffen sollte. Training war fast jeden Tag von ungefähr zwei bis um sechs und am Wochenende waren Spiele. Allerdings habe ich relativ schnell herausgefunden, für welche Kurse die Hausaufgaben tatsächlich gemacht werden müssen… Sehr schnell habe ich auch gelernt, gut organisiert zu sein und vorzuarbeiten, denn besonders im September habe ich viele  Vorlesungen verpasst, weil wir für Spiele verreist sind.

Vor dem ersten Spiel war ich so nervös, wie noch vor keinem Spiel. Allerdings hauptsächlich wegen der Besprechung vor dem Spiel – würden die Trainer mich aufstellen? Wir waren zu dem Zeitpunkt zwei „spielfähige“ Torhüterinnen, die älteste Torhüterin war verletzt. Nachdem Coach die erlösenden Worte „and we play with Lena in goal“ gesagt hatte, war die Nervosität praktisch verflogen und was blieb war die Anspannung vor dem Spiel. Die gesamte Saison lang, besonders nachdem ich im Training oder einem Spiel am Wochenende schlecht gespielt hatte, war ich nervös, ob die Trainer mich aufstellen würden, besonders, als die älteste Torhüterin wieder gesund war. Heute kann ich auf eine erste Saison zurückblicken, von der ich jede einzelne Minute gespielt habe.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich an das „Amerikanische“ Hockey und all die Gepflogenheiten gewöhnt hatte. Sich bei den Schiedsrichtern über falsche Entscheidungen zu beschweren ist zum Beispiel eine ganz schlechte Idee. Vor jedem Spiel wird (wie beim Fußball in Deutschland) die Mannschaftsaufstellung angesagt und dann wird die Nationalhymne gespielt und alle blicken auf zur Flagge (Amerikanische Flaggen gibt es übrigens an jeder Ecke, vom Footballstadion über Walmart bis zu den Zimmern der Studenten). Ein Spiel – sei es Fußball, Basketball, Lacrosse, oder eben Field Hockey – kann im Amerikanischen Collegesport nicht unentschieden enden. Man spielt „overtime“. Für Hockey bedeutet das, dass man für 15min 7 gegen 7 auf dem ganzen Platz spielt (Für alle Unwissenden: Hockey spielt man normalerweise 11 gegen 11). Wer das erste Tor schießt, gewinnt. Wenn nach 15min kein Tor gefallen ist, spielt man nochmal 15min. Ist dann immer noch kein Tor gefallen, spielt man 1-gegen-den-Torwart und schließlich 7m-Schießen. Soweit kam es allerdings nie. Am Anfang fand ich overtime dumm und albern, aber nachdem wir unser erstes großes Spiel in overtime gewonnen haben, habe ich irgendwie Gefallen daran gefunden. Die Spannung von „sudden death“ ist unvergleichlich und ebenso die Freude, wenn man gewinnt. 

Die Saison mit 21 Spielen war unglaublich schnell vorbei. Es folgte eine trainingsfreie Woche bevor wir wieder mit Lifting angefangen haben. Sobald die Saison vorbei war, haben meine (deutsche) Mitbewohnerin und ich die Tage gezählt, bis wir endlich nach Hause fliegen durften! Meiner Mutter nach 5 Monaten am Flughafen in die Arme zu fallen, ist einer der glücklichsten Momente in meinem Leben. Facebook, Email und vor allem Skype machen es zwar relativ leicht mit den Lieben zuhause in Kontakt zu bleiben, aber vor Heimweh hat mich das nicht verschont. Ich muss dazu sagen, dass die Eltern meiner Mannschaft unglaublich sind. Egal ob wir in Philadelphia, Kent, Maryland, Delaware, oder sonst wo spielen, „ParentPower“ ist immer in großer Zahl vertreten. Die Eltern feuern uns während der Spiele lautstark an und bauen nach den Spielen riesige Buffets auf und bringen jeder Spielerin eine Kleinigkeit mit. Einige der Eltern haben mich als ihre „foreign daughter“ in die Familie aufgenommen und mich über Thanksgiving und Spring Break zu sich nach Hause eingeladen. An meinem 18. Geburtstag gab es einen großen Schokoladenkuchen und Geschenke. Die beeindruckende Präsenz der Eltern erinnert mich allerdings auch nach jedem Spiel daran, dass meine Eltern nicht da sind. „There is nothing like your mother’s hug, right?“ meinte meine Torwarttrainerin einmal und sie hat Recht. Mit fünf internationalen Spielerinnen in der Mannschaft, bin ich damit allerdings nicht alleine und meine Mannschaftskameradinnen sind wie Schwestern für mich. Egal welche Probleme auftauchten, irgendwer wusste immer eine Lösung oder kannte jemand der jemanden kannte, der eine Lösung parat hatte. Sowohl Mannschaftskameradinnen, Eltern und Trainer, sind stets unschlagbar hilfsbereit, egal worum es geht.

Auch wenn ich meine Familie und meine besten Freunde vermisse, habe ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, abzubrechen. Ich habe hier unbezahlbare Erfahrungen gesammelt und sehr viel über mich selbst gelernt. Ich kann jedem nur empfehlen die Gelegenheit beim Schopf zu packen, wenn sie sich bietet!