Bericht von Svea T.

Meine Zeit als Läuferin am College in den USA
- Erfahrungsbericht von Svea (Davis & Elkins College, Elkins, West Virginia)

Ein Jahr im Ausland zu verbringen war schon immer mein Traum. Allerdings hätte der derzeitige Wechsel von G8 auf G9 (Abitur nach 13 statt nach 12 Jahren) in meinem Bundesland Niedersachsen ein Auslandsjahr während der Schulzeit sehr unattraktiv und kompliziert gemacht. Deswegen habe ich beschlossen, es nach der Schulzeit zu versuchen. Schnell hat sich herausgestellt, dass dieser Zeitpunkt sich noch viel besser anbot als während der Schulzeit: ich konnte mich in der Zeit nämlich noch gut in meinem bis dahin noch recht „neuem“ Sport – dem Laufen (Langstrecke) – verbessern und habe bald erkannt, dass es sich anbietet, den Laufsport als Absprungbrett für ein Auslandjahr in den USA zu nutzen. Schließlich ist den meisten Athleten bewusst, dass die meisten Sportarten, u.a. der Laufsport bzw. „Cross Country“ und „Track“ wie es in den USA oft genannt wird, beinahe nirgendwo sonst so stark gefördert werden wie in den USA an Colleges.

Ich habe also angefangen zu recherchieren und bin im Internet sofort auf die Seite von Sport-Scholarships gestoßen. Der Plan mit dem Auslandsaufenthalt war noch gar nicht sehr ausgefeilt, aber ich habe einfach den Chanceneinstellungstest gemacht und kurz darauf die positive Rückmeldung bekommen, dass meine Chancen für Stipendienangebote gut stehen. Nachdem ich dann mit sehr netter Hilfe und Anleitung ein Profil erstellt bekommen habe, habe ich die ersten Angebote und Anfragen von Coaches bekommen.
Ein knappes Jahr und ein paar Berge Papierkram sowie den SAT (Einstellungstest für das College) später, bin ich nun hier: Elkins, West Virginia.

Es hat mich „Flachlandläufer“ aus der Nähe von Hamburg also in den „Bergstaat“ der USA getrieben. Eine kluge Entscheidung? Ich muss gestehen, über die Berge habe ich im Vornerein nicht eine Sekunde nachgedacht, aber bis jetzt – drei Monate nach meiner Ankunft – habe ich es keine Sekunde bereut. Abgesehen von der unglaublichen Natur und dem charmanten Ort, der mit etwa 7000 Einwohnern nur ein wenig kleiner ist als mein Heimatort in Deutschland, könnte ich mir weder ein anderes College noch ein anderes Team vorstellen, bei dem ich lieber wäre. Das Davis & Elkins College ist ein Privatcollege und mit weniger als 1000 Studenten sehr überschaubar. Aber genau das war mein Wunsch: ich wollte kein riesiges College mit zig-tausend Studenten mitten in einer Stadt. Hier auf dem kleinen College kennt und grüßt man sich, jeder kennt jeden und auch zu den Professoren hat man ein gutes Verhältnis, da die Klassen natürlich entsprechend klein sind.

Der allerdings entscheidende Grund für meine Collegeentscheidung war der Lauf-Coach. Sein ständiges Interesse und sein häufiges Nachfragen im Laufe der Saison haben mich bald die Entscheidung fallen lassen, ihm zuzusagen. Ich habe es bis jetzt keine Sekunde bereut. Er ist einer der nettesten Menschen, die ich kennengelernt habe und ohne ihn hätten wir im Team nur halb so viel Spaß.

Die ganze Laufsparte stand noch relativ am Anfang beim Davis & Elkins College. Das Männerteam hat seit ein paar Jahren ein paar gute Läufer, aber das Frauenteam bestand immer nur aus einer handvoll Läuferinnen. Mit mir kamen dieses Jahr dann aber noch einige andere Freshmans und es wurde schnell klar, dass wir uns große Ziele setzen. Das erste große Ziel war: wir wollen die MEC Championships gewinnen. Die Meisterschaften der Mountain East Conference fanden am 26.10.2019 statt. Bis dahin hatten wir durchgehend erfolgreich abgeschnitten, mehrere Teamwertungen als auch als „Individuals“ bei Wettkämpfen gewonnen und die Frage „Where is Elkins?“ wurde seltener. Ende Oktober gewann unser Frauenteam dann die MEC Championships und unser Männerteam landete auf dem zweiten Platz. Als ich im Anschluss des Laufes, den ich mit einem dritten Platz aufgrund einer zwei Wochen langen Verletzungspause nur halbwegs zufrieden beendet habe, die Auszeichnungen „Freshman of the Year 2019“ und „Runner of the Year 2019“ bekam, wurden all meine Erwartungen übertroffen. Das hätte ich nie erwartet und vor meiner Ankunft in den USA nie für möglich gehalten.

Bereits an dem Tag haben wir das Saisonziel erreicht. Aber wir wussten, wir können mehr. Zwei Wochen später standen die „Atlantic Regionals“ an. 24 Colleges; die ersten drei Teams von den Männern/Frauen qualifizieren sich jeweils für die Nationals zwei Wochen später in Kalifornien. Das Ziel war somit klar, oder? Und wir erreichten es auch: nicht nur unser Frauenteam qualifizierte sich mit Platz 2, sondern auch das Männerteam schaffte es auf Platz 3 und bekam somit ebenfalls das Ticket für die Nationals. Diese stehen nun in knapp zwei Wochen an. Wir haben schon jetzt unsere Ziele erreicht und es gibt kein schöneres Gefühl, als mit diesem „kleinen“ Collegeteam (sowohl das Männerteam als auch wir Frauen zählen jeweils nur 11 Läufer/innen) eine solche Entwicklung hinzulegen. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man merkt, wie viel Herzblut jedes Teammitglied und insbesondere unser Trainer in diesen Sport steckt.

Innerhalb einer Cross-Country-Saison sind wir von einem in der Laufwelt unbekannten College zu einem der besten Colleges in der Atlantic Region geworden. Die anstehenden Nationals sind nun der Bonus und die Belohnung für die harte Arbeit. Denn eines steht klar: wir haben Elkins auf die Karte der Läuferszene gesetzt und unser Leitspruch „Now they know“ kommt uns immer wieder mit einem breiten Lächeln über die Lippen.